Geschickte Eichhörnchen

Rückschau auf ein Projekt der Klasse Intermedia im Landgericht

Es ist klein und niedlich, dennoch könnte in ihm etwas Böses stecken: im Eichhörnchen, diesem flinken Wesen. Die Klasse Intermedia der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) widmete dem Thema eine ganze Ausstellung mit dem Titel Das Böse ist ein Eichhörnchen und präsentierte sich und weitere künstlerische Arbeiten nationaler wie internationaler Künstler zwei Wochen lang an einem Ort, an dem tagtäglich „Gut“ und „Böse“ verhandelt werden – auf den Fluren des Landgerichts Sachsen. Das anvisierte Spannungsfeld reichte von Werken, die sich mit der häufig irritierenden Faszination und der Äthetisierung des Bösen befassen, bis zu Versuchen, die Subtilität des Ab­gründigen mit ihren verschlungenen Wegen, auf denen das Böse transportiert und immer wieder insze­niert und initiiert wird, greifbar zu machen.

War man am 30. Januar 2009 – im wahrsten Sinne des Wortes – Zeuge der Vernissage, dann konnte einem bei der Inszenierung im großen Verhandlungssaal des nach außen hin doch recht unscheinbaren Gebäudes angst und bange um die Kunst werden. Im Programmflyer als feierliche Eröffnung angekündigt, geriet diese zu einem Rednertribunal der Gastgeber auf der Seite der Gerichtsbarkeit. So saß Kai Uwe Deusing als Vizepräsident des Landgerichts Sachsen auf dem Richterstuhl, flankiert von Alba D’Urbano (Professorin der HGB und Kuratorin der Ausstellung) und Angelika Richter (freie Kuratorin aus Berlin), beide als vermeintliche Schöffinnen in der Zivilsache Kunst.
Allen Beteiligten war bewusst, dass der Ort des Geschehens symbolträchtig ist und seine Wirkung nicht verfehlt – weder auf die Gäste noch auf die Kunst. Dieser Fakt wurde dementsprechend als positiv und interessant im höflichen Austausch zwischen Hausherr und Kuratorin Alba D’Urbano bemerkt. Letztere verweigerte zudem hinter schwarzer Sonnenbrille dem zahlreich erschienenen und neugierigen Publikum den direkten Augenkontakt. Der Effekt war spannungsreich, jedoch gebrochen vom didaktischen „Beipackzettel“ fürs Böse, vorgetragen von Angelika Richter.
Und genau hier wurde klar, dass die Originalität des Ortes zwar trefflich für das Thema ist und einige der 56 künstlerischen Interventionen im Gebäude subtil darauf reagierten. In Erwartung eines Konzepts mit polarisierender Wirkung, waren es jedoch überwiegend bekannte Bilder, die sich in den letzten Jahren in unsere subjektive Verfasstheit eingeschrieben haben: stürzende Hochhäuser, bewaffnete Zivilisten, Bomben. Mord und Totschlag eben. Raffinierter dagegen der Kirchengrundriss in der Arbeit von Jirka Pfahl, der letztlich eindrücklich auf die Ambivalenz des Bösen verweist.
Denn was ist böse, wer ist böse? Man merkte ziemlich schnell, welche Arbeiten auf das Thema zugeschnitten waren und welche dem unterworfen wurden, um plakativ ihre Wirkung zu offenbaren wie etwa
Matratze 4 von Andreas Ullrich. Die fotografierte Kindermatratze ist hier nicht mehr als ein Icon für Kindesmissbrauch und Gewalt. Ganz böse eben! Auch Conny Bengschs militärische Essensrationen unter dem Arbeitstitel We feed you als kritische Gleichnis für die „ambivalente Sorge der Regierungen zum Erhalt von Leben mit gleichzeitiger Akzeptanz der Zerstörung von Leben“ passten ausgezeichnet zu den stereotypischen Bedeutungsmustern.
In diesem Moment hätte man sich die Zeichnungen von Claudia Roeßger gewünscht, die zeitgleich in der maerzgalerie auf dem Spinnereigelände gezeigt wurden: Hier war die rein rezeptions- und produktionsästhetische Qualität des Bösen auf der inhaltlichen Ebene gar nicht zu finden, dort, wo das Böse oft als Widerpart des Guten unter einer moralischen Kontrolle steht. Das Böse in der Kunst Roeßgers muss nicht Stoff und Gehalt eines mörderischen Zeitalters sein, sondern Spiel und Stimmung, Medium einer emphatischen künstlerischen Methode der Überbietung des Gewöhnlichen. Mit lebenshilfreichen Erklärungsversuchen kommt man da nicht weiter. Vor allem nicht mit philosophischen und theologisch-politischen Erklärungen des real Bösen in unserer Welt. In Reflektion dessen konnte die Ausstellung im Landgericht nur unter anderen Gesichtspunkten betrachtet werden. Auch dahin gehend, dass das Eichhörnchen nicht böse ist, sondern flink, schlau und gewandt.
Die Präsentation der künstlerischen Arbeiten, in den Gängen des Gerichtes auf drei Etagen verteilt, bot einerseits Anlass, den räumlichen Apparat der Institution zu erkunden, andererseits, sich auch inhaltlich durch den Parcours vom Thema zu trennen. Irgendwann verblasste angenehm die kuratorische Klammer und Wiedersehensfreude mit länger nicht gesehenen Arbeiten und Entdeckungen stellte sich ein. Das betraf Werke, die sich über die Annahme des Bösen als unabänderliche Tatsache hinwegsetzten und Bewusstsein jenseits der Dualität von „gut“ und „böse“ anvisierten wie etwa das Video Explosion von Fabian Bechtle. Dann gab es die Möglichkeit etwa Artur Zmijewskis Dokumentation 80064 unter dem Gesichtspunkt des künstlerischen Experiments zwischen Selbsterfahrung, Gesellschaftsspiegelung, Geschichtsaneignung, Therapie, Konfronta­tion, Erinnerung und Manipulation zu betrachten. Es zeigt einen alten Mann, zur Nazizeit im Konzentrationslager inhaftiert und noch immer durch die täto­wierte Lagernummer auf dem Unterarm gezeichnet. Er wird überredet, sich diese Nummer auffrischen zu lassen. Geschichte wiederholt sich hier als eine beunruhigende Erfahrung für die scheinbar unbeteiligten Beobachter. Hier kam eine Facette der Ausstellung zu Tage, die das Unheimliche, Bedrohliche fasste, erkennbar auch in dem ausdrucksstarken Werk Fallen von Franziska Jyrch, die sich mit bedrückenden Wirklichkeiten auseinander setzt. Zmijewskis wie Jyrchs künstlerische Arbeiten behandeln das Abnorme in uns selbst, reflektieren die Relativität von Zeit oder provozieren Überlegungen zu gesellschaftlichen „Normalitäten“. An dieser Stelle war die Ausstellung ganz bei sich: Denn das plakativ vorgetragene Böse wiegt meistens denjenigen in Sicherheit, der weder Täter noch Opfer, sondern Zuschauer des Geschehens ist. Wird das Böse jedoch subtil vorgetragen, so erhöht sich die Gefahr, eigene subtile Anwandlungen als Vorläufer einer möglichen furchtbaren Tat zu verstehen. Das ist bedrohlich!

Sandra Mühlenberend

Dazu was schreiben